Tipp24Blog

Chronologie eines "Game Over" mit dreijähriger Ansage

Tipp24-Website zensiert HV-Aktionäre mit Vorschrift aus Papier-Zeitalter

Posted by tipp24blog - 07.06.2009

Tipp24 hat am 4.6.2009 Gegenanträge von Aktionären zur nächsten Hauptversammlung am 16.6.2009 weitgehend gelöscht.

Ausgeblendet wurden detaillierte Begründungen für die Nichtentlastungen von Vorstand und Aufsichtsrat. Die Zensur erfolgt mit einem Hinweis auf § 126 Aktiengesetz. Dieser erlaube Aktiengesellschaften die Nichtveröffentlichung von Begründungen, die mehr als 5.000 Zeichen enthielten. Zweck des Paragrafen war ursprünglich die Eindämmung der Papierflut vor Hauptversammlungen.

Wie schön, daß sich Tipp24 im Internet an die Gesetze hält. Für ein Unternehmen, das zweimal wöchentlich sechs Zahlen von seinen Nutzern entgegennimmt, sind 5.000 Zeichen auf einmal auch eine Menge Holz.

Da die Begründungen lesenswert sind, veröffentlichen wir nachstehend die wichtigsten Passagen und bieten alle Anträge zum Download an:

1. Keine Dividende für 2008 wegen Spielrückgang um 70% in Q1 (pdf)

2. Nichtentlastung des Vorstandes (pdf) 

3. Nichtentlastung des Aufsichtsrates (pdf)

4. Keine Verschmelzung mit österreichischer Briefkastenfirma zwecks Auswanderung (pdf).

Auszug aus dem Gegenantrag zur Entlastung des Vorstandes:

„Den Mitgliedern des Vorstandes wird für das Geschäftsjahr 2008 keine Entlastung erteilt“.

Begründung:

  1. Der Vorstand hat das operative Geschäft der Gesellschaft ruiniert.
  2. Statt strategisch zu handeln, setzt der Vorstand die Gesellschaft ständig neuen straf- und zivilrechtlichen Risiken aus.
  3. Wie bekannt wurde, sind der Gesellschaft durch das Agieren des Vorstandes seit dem Börsengang offenbar EUR 206 Mio. Umsatz und Gewinn entgangen, davon EUR 72 Mio. im Jahr 2008.

Im einzelnen:

  1. Der Vorstand hat das operative Geschäft der Gesellschaft ruiniert.

Nachdem das Transaktionsvolumen im 1. Quartal 2008 noch EUR 86 Mio. betrug, verringerte es sich im 1. Quartal 2009 um 70% auf nur noch EUR 25 Mio.[1] Da diese Transaktionen mit Bestandskunden in Deutschland abgewickelt wurden, stehen 87% der Einnahmen, also EUR 22 Mio. den deutschen Lottogesellschaften zu und werden von der Gesellschaft treuhänderisch für diese gehalten. Anders als im Bericht für das 1. Quartal 2009 angegeben hat die Gesellschaft damit einen Verlust von ca. EUR 10 Mio. und keinen Gewinn von EUR 12 Mio. erwirtschaftet.

Damit ist die Tipp24 AG zum Sanierungsfall geworden.

Grund dafür ist die bereits vielfach kritisierte Tatenlosigkeit des Vorstandes der Gesellschaft.

Noch auf der letzten Hauptversammlung am 29.Mai 2008 antwortete der Vorstand auf wiederholte Vorhaltungen des Vertreters der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), des Vertreters der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW)  sowie des Unterzeichners, daß keine Gefahr bestünde, daß der Lotto-Spielbetrieb der Tipp24 AG in Deutschland eingestellt werden müsse.

Bereits im Dezember 2008 mußte der Vorstand  jedoch bekanntgeben, daß Tipp24 die Online-Werbung ab 1.1.2009 weitgehend einstellen müsse (Pressemeldung vom 8.12.2008) und daß allein am Standort Hamburg 139 von 154 Mitarbeitern entlassen werden (Pressemeldung vom 27.3.2009).

Diese Entwicklung kam weder überraschend noch war sie höhere Gewalt. Vor dem Hintergrund der unsicheren Rechtslage hatte der Vorstand selbst bereits im Börsenprospekt vom 29.09.2005 angekündigt, als Ersatz für die Umsätze aus dem rechtlich unsicheren Lotteriegeschäft die Akquisition und Entwicklung von  alternativen Spielen voranzutreiben. Mit dem in 2006 angekündigten Glücksspielstaatsvertrag  und dem Werbeverbot für Glücksspiel im Internet folgte frühzeitig ein unüberhörbarer Weckruf.

Jedoch hat der Vorstand außer Ankündigungen nichts unternommen, um nennenswerte Umsätze mit erlaubnisfreien Spielen zu erzielen.

Viel zu spät, nämlich erst im November 2007, erfolgte zunächst ein Ko-Investment in – und dann die Akquisition des Skill-Gaming-Geschäftes der enter.tv GmbH, des einzigen nun in Deutschland  verbliebenen operativen Geschäftes der Tipp24 AG. Die Art der Abwicklung dieser Transaktion  durch den Vorstand führte jedoch – wieder einmal – zu Prozessen vor deutschen Gerichten und zu Risiken für die Gesellschaft in Millionenhöhe.

Während Aktionärsvertreter, so die Vertreter des SdK und der DSW und der Unterzeichner auf der Hauptversammlung am 29.5.2008 mehrfach mündlich und schriftlich auf die vorgenannten Mißstände hingewiesen haben,  setzte der Vorstand im Jahr 2008 seinen Crash-Kurs mit dem nun bekanntgewordenen Rekord-Negativ-Ergebnis fort.

Eine nach der Hauptversammlung 2008 angekündigte und angeblich geplante Akquisition in Südeuropa entpuppte sich in der Folge als weitere Vorstands-typische Ankündigung – nämlich als komplett folgenlos.

Als Ergebnis dieser Versäumnisse und Fehler des Vorstandes

  • brechen die Transaktionserlöse im Lottogeschäft seit 1.1.2009 rapide weg
  • wird das Eigenkapital der Gesellschaft in ca. 12 Monaten aufgebraucht sein
  • hat sich eine hohe Zahl von ehemaligen Lottokunden – das wichtigste Kapital der Gesellschaft – wegen der aktuellen Rechtslage aktiv de-registriert
  • hat sich die Summe der Forderungsausfälle bei den verbliebenen Kunden vervielfacht
  • bleiben nach der unqualifiziert durchgeführten Übernahme der enter.tv die erlaubnisfreien Umsätze weit hinter den Möglichkeiten zurück.

 Deshalb ist dem Vorstand der Tipp24 AG die Entlastung zu verweigern.

 2.     Statt strategisch zu handeln, setzt der Vorstand die Gesellschaft ständig neuen straf- und zivilrechtlichen Risiken aus.

Bei mehr als schwacher unternehmerischer Leistung legt der Vorstand andererseits einen erstaunlichen Aktivitätsdrang bei riskanten Rechtsumgehungen an den Tag. Die hektische Übertragung des Internet-Lotterieangebotes der Gesellschaft auf die zwei englischen Konzerntöchter MyLotto24 Limited und Tipp24 Services Limited zum 1.1.2009 ist eine rechtswidrige Umgehung des deutschen Glücksspielstaatsvertrages.

Der Einbehalt des Anteils der deutschen Lottogesellschaften in Höhe von EUR 22 Mio. im 1. Quartal 2009 und dessen Ausweis als Umsatz bei der Tipp24 AG könnte als Betrug gewertet werden.

Da die Umgehung  des Glücksspielstaatsvertrages ebenfalls strafbar ist, kündigte der Vorstand am 30.4.2009 gleich das nächste  gefährliche Ausweichmanöver an: die Einbringung der englischen Konzerntöchter in eine bisher unbekannte Schweizer Stiftung. Die Originalmeldung der Tipp24 AG lautete:

‚Tipp24 AG – Fortsetzung der Umstrukturierung und weiterer Aktienrückkauf.

Die Tipp24 AG hat in Fortsetzung der durch das Inkrafttreten der zweiten Stufe des Glücksspielstaatsvertrags veranlassten Umstrukturierung der Tipp24-Gruppe jeweils 60% der Stimmrechte an den englischen Konzerngesellschaften MyLotto24 Limited und Tipp24 Services Limited an die von der Tipp24 AG gegründete gemeinnützige Stiftung „Fondation enfance sans frontières“ mit Sitz in Zürich, Schweiz, veräußert….’

Der Vorstand hat bisher nicht erklärt, warum die Übertragung von Gesellschaftsvermögen bzw. Rechten der Tipp24 AG an eine schweizerische Stiftung erfolgte. Er hat nicht erklärt, welche Vorteile, Nachteile oder Risiken dadurch für die Tipp24 AG entstehen. Unbekannt ist, wer die Mitglieder des Stiftungsrates und die Geschäftsführer der Stiftung sind. Weder die Kontrollstelle der Stiftung noch die Zeichnungsberechtigten sind bisher bekannt. Völlig unklar sind Aufgaben und Satzung der Stiftung und die Verträge, die die Stiftung mit der Tipp24 AG abgeschlossen hat.

Unternehmerisch wertlos ist auch die geplante Umwandlung der börsennotierten Tipp24 AG in eine „Europäische Aktiengesellschaft“ durch Verschmelzung mit einer bisher völlig unbekannten österreichischen Gesellschaft. Der Vorstand hat offenbar übersehen, daß heutzutage EU-weit vollstreckt werden kann, sodaß eine Sitzverlagerung der künftigen „Tipp24 SE“ in ein anderes Land keine Rechtssicherheit bedeutet. Außer einer Fortsetzung des laufenden Beschäftigungsprogrammes für Rechtsanwälte ergeben sich keine erkennbaren Gewinner.

So können bereits heute „ausländische“ Websites für deutsche Nutzer geblockt werden und kann der Ort der Spiel-Server und der Ort der Spielabgabe bei deutschen Lottospielern äußerst einfach festgestellt werden, siehe zum Beispiel nur www.ip-adress.com .

Der Vorstand hat darüber hinaus offenbar den Überblick über die gegen die Gesellschaft und ihre Organe laufenden Prozesse verloren. Anders ist nicht zu erklären, daß er sich auf der letzten Hauptversammlung und danach nicht in der Lage sah, diese Verfahren und ihre finanzielle Risiken zu benennen, geschweige denn dafür Vorsorge im Jahresabschluß 2008 zu treffen.

Auch deshalb ist dem Vorstand der Tipp24 AG die Entlastung zu verweigern.

3.      Der Gesellschaft sind durch das Agieren des Vorstandes seit dem Börsengang offenbar EUR 206 Mio. an Umsatz und Gewinn entgangen, davon allein EUR 72 im Jahr 2008.

Der Vorstand informierte den Aktionär Sal. Oppenheim, Köln, darüber, daß die Lotto-Marge in England nunmehr ab dem 1.1.2009 „35-40%“ betragen würde statt wie bisher in Deutschland nur „10-13%“.

Mit dieser Standortbedingung hätten die Umsätze der Tipp24 AG in den Jahren 2006, 2007 und 2008  eigentlich EUR 92 Mio, EUR 121 Mio. und EUR 117 Mio. betragen müssen statt lediglich EUR 34 Mio, 45 Mio. und 45. Mio. Für diesen entgangenen Umsatz und Gewinn von EUR 206 Mio. ist der Vorstand verantwortlich. Eine Übertragung der Geschäfte an die englischen Konzerntöchter wäre zu jedem Zeitpunkt – nicht erst zum 1.1.2009 – möglich gewesen.

In seinem Bericht[2] über die Aktie der Tipp24 AG führte Sal. Oppenheim am 11.2.2009 aus:

‘MASSIVELY HIGHER PROFITS FROM CHANGE IN BUSINESS MODEL […]

However, as a lottery provider, Tipp24 can keep roughly 35-40% of the stakes (ca. 50-60% pay-out ratio, 15% UK gambling tax) compared to about 10-13% as a pure online distributor.’

Übersetzung:

‚Als Lotterie-Anbieter kann Tipp24 ungefähr 35-40% der Einsätze behalten (ca. 50-60% Auszahlungsquote, 15% UK Glücksspiel-Steuer) verglichen mit 10-13% als reiner Online-Distributor.’

 Zum gleichen Thema meldete am 02.01.2009 der Informationsdienst ‚Equity Analyst’:

 „Tipp24 hat bis dato ca. 13% Rohmarge erzielt. Durch die Aktivitäten der MyLotto24 sollte

sich diese drastisch erhöhen (da beim Lotto nur 50% der eingesetzten Gelder als Gewinn  

ausgeschüttet werden und sich Tipp24 an den Zahlen und Gewinnquoten der deutschen

Lotterie orientiert)“.

 Der Herausgeber des ‚Equity Analyst’ wird von  einem Berater der Tipp24 AG, der SES Research GmbH des Bankhauses M.M. Warburg & CO. beschäftigt.

 …

 Auch deshalb ist dem Vorstand der Tipp24 AG die Entlastung zu verweigern.


[1] Siehe Quartalsbericht Q1 2009 der Tipp24 AG. Da die Tipp24 AG mit ihrer seit 1.1.2009 von England aus angebotenen Lotterie 6 aus 49 nach eigenem Verständnis als Veranstalter auftritt, weist sie das dort erzielte – stark gesunkene – Transaktionsvolumen nunmehr als Umsatz aus.       [2] Oppenheim Research: Tipp24, Sal. Oppenheim / Marcus Sander, 2009-02-11 

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